Restringierte Sprache, restringiertes Denken - Schöne neue Welt?

„Borkenberge Radio, Delta Mike Yankee Yankee Alpha rollt zur zwo sieben und startet.“ Klare Worte. Kurz. Ohne Schmuck. So funktioniert der Flugfunk. Und so beginnt dieser Film: im Steigflug, dort, wo Abstand entsteht und Linien sichtbar werden. Wo die Welt unten kleiner wird – und lesbarer. Mit wachsender Höhe öffnet sich Raum. Raum zum Atmen. Raum zum Denken. Und mit ihm eine Frage, die mich seit vielen Jahren begleitet: Wie sehr bestimmt Sprache unser Denken? Und was geschieht, wenn Sprache enger wird?

Dieser Film führt zurück an den Anfang der Sprache – noch vor Grammatik und Regeln. Zu einem einfachen Zeigen. Zu einem Arm, der nach vorn weist, und zu einem Laut, der sagt: „Da.“ Orientierung. Gemeinsame Aufmerksamkeit. Der erste Faden zwischen zwei Menschen. Sprache nicht als Schmuck, sondern als Kontaktaufnahme. Von dort spannt sich der Bogen weiter: zum Partizip, dieser feinen Form der Nebenläufigkeit. Einer sprachlichen Kunst, die Gleichzeitiges ordnen kann, ohne es zu vermischen. „Pfeifend ging ich spazieren.“ Kleine Verschiebungen, große Bedeutungen. Und genau hier beginnt der Verlust: Wo das Partizip verbogen wird, wo Vorgänge zu Etiketten erstarren, schrumpft die Differenzierungsfähigkeit. Sprache wird stumpf – und mit ihr das Denken.

Der Film zeigt, wie sprachliche Verengung wirkt: leise bei Huxley, laut in politischer Schaumsprache, radikal bei Orwell. Wie Begriffe verschwinden, Bedeutungen glattgezogen werden und Worte nicht mehr zeigen, sondern beruhigen. Und wie mit jeder verlorenen Nuance auch ein Stück Welt verloren geht. Philosophische Stimmen begleiten diesen Weg: Wittgenstein, Humboldt, Herder, Nietzsche, Arendt. Die Wahrnehmungsforschung zeigt etwas Ernüchterndes: Es fehlt nicht am Sehen, sondern am Unterscheiden. Erst Worte geben dem Wahrgenommenen Kontur.

Dieser Film ist kein Sprachratgeber. Er ist eine Einladung. Zum genauen Hören. Zum Unterscheiden. Zum Fragen. Denn Sprache baut die Welt, in der wir leben. Schöne neue Welt? Vielleicht. Aber nur mit einer Sprache, die wieder Luft hat.

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Der Filmtext

1.) „Borkenberge Radio, Delta Mike Yankee Yankee Alpha rollt zur zwo sieben (27) und startet.“ So hatte ich meinen Start angekündigt. Der Mann im Tower hatte zur Bestätigung zweimal die Sendetaste seines Funkgerätes gedrückt. Kurz zuvor hörte ich noch: „Delta Mike Uniform Fox Romeo dreht ein in den rechten Gegenanflug zur zwo sieben (27).“ Klare Worte. Kurz. Ohne Schmuck. So funktioniert der Flugfunk. Und ich wusste, dass da zwar gleich ein anderes Flugzeug landen würde, ich für meinen Start aber noch Zeit genug hatte. Jetzt braucht es Ruhe. Konzentration. Keine großen Gedanken. Nur der Moment. Die ersten Meter in der Luft sind immer die Kritischsten. Bodennähe verzeiht keine Fehler. Die Bäume rund um den Platz können den Wind brechen, manchmal auch verdrehen. Kleine Walzen, kleine Böen. Das gelbe Flugzeug spürt jede dieser kleinen Störungen sofort. Mit wachsender Höhe kehrt dann die Sicherheit zurück; erst ein gutes Stück über den Baumwipfeln wird der Flug ruhiger. Mit jedem weiteren Meter öffnet sich wieder ein wenig Raum. Raum zum Schauen, Raum zum Atmen, und oft auch Raum zum Nachdenken. Manche Fragen steigen mit mir auf. Fragen, die am Boden manchmal untergehen.

2.) Eine dieser Fragen begleitet mich seit vielen Jahren: Wie sehr bestimmt Sprache unser Denken? Und was geschieht, wenn Sprache enger wird? Wenn Wörter verschwinden, Bedeutungen flacher werden und sprachliche Formen durch andere ersetzt werden, die oft noch kraftloser und flacher  sind?

3.) Vielleicht stellt sich diese Frage gerade hier, mitten im Steigflug, so deutlich. Weil die Welt sich verändert, sobald man Abstand gewinnt. Weil Linien sichtbar werden, die man am Boden nicht sieht.

4.) Vielleicht beginnt Sprache viel früher, als wir es gelernt haben. Nicht mit Regeln. Nicht mit Grammatik. Sondern mit Gesten. Der amerikanische Entwicklungspsychologe und Anthropologe Michael Tomasello beschreibt solche Urszenen besonders eindrücklich: Ein Mensch steht vor einem Mammut. Er hebt den Arm, erst hoch, dann in einem Bogen nach vorn, als wollte er die Richtung in die Welt hineinschreiben, und sagt: „Da.“ Ein Laut, der warnt, der zeigt, wo Gefahr liegt oder sich eine Gelegenheit auftut. Ein Laut, der sagt: Achtung. Hier entscheidet sich etwas.

5.) Der Arm weist nach vorn; und der Laut trägt dieselbe Richtung. Auch die Zunge beginnt oben, löst sich vom Gaumen, und stößt dann kurz nach vorn – ein kleiner Impuls zur Welt hin. Zwei Bewegungen, die dieselbe Linie ziehen. Dieses kleine Wort ist keine Beschreibung und keine Erzählung. Es ist der Anfang von Denken – oder das, was Denken erst möglich macht: Es ist Orientierung.

6.) Sprache beginnt als gemeinsamer Blick auf etwas, was wichtig ist. Als Versuch, die Welt mit einem Laut festzuhalten und einem anderen Menschen mitzuteilen, worauf es im nächsten Moment ankommt.

7.) Dieses uralte „Da“ – das Tomasello als Keim aller gemeinsamen Aufmerksamkeit versteht – lebt bis heute in unseren Sprachen weiter, in jedem Zeigen, in jedem Hinweis. Und es zeigt etwas Entscheidendes: Sprache ist nicht zuerst Schmuck oder Stil. Und sie ist weit mehr als das: Sie ist Kontaktaufnahme, ein erster Faden zwischen zwei Menschen. Sie verbindet Blickrichtungen, schafft ein Gegenüber, noch ehe wir die Dinge beim Namen nennen müssen. Sie stiftet Nähe, ermöglicht Rückfragen, Zustimmung, Widerspruch – und manchmal auch das schlichte Einverständnis im Schweigen. Sprache bildet das gemeinsame „Wir“, das entsteht, wenn einer etwas zeigt und der andere versteht, dass er gemeint ist.

8.) Wenn Sprache verarmt, dann verarmt zuerst diese Fähigkeit: die Welt zu ordnen, zu unterscheiden, zu prüfen, zu gewichten, zu benennen, zu sortieren – all das, was dem Menschen aufgegeben ist. Vielleicht fragen wir uns deshalb heute so oft, wo wir stehen. Weil die Werkzeuge des Zeigens, die einst Klarheit schaffen konnten, stumpf geworden sind.

9.) Von dieser Urszene des Zeigens führt der Weg nun weiter, hin zu einer Form, die diese alte Fähigkeit im Kleinen weiterführt. Wenn das Zeigen der Ursprung ist, dann ist das Partizip seine verfeinerte Tochter. Das Partizip: jene Form des Verbs, die ein Tun beschreibt, ohne es zum Hauptgeschehen zu machen. Eine stille Meisterin der Nebenläufigkeiten.

10.) „Pfeifend ging ich spazieren.“ Ein einfacher Satz, und doch trägt er zwei Bewegungen gleichzeitig: das Gehen und das Pfeifen. Die Sprache hält sie nebeneinander, ohne sie zu vermischen. Und doch setzt die Sprache eine feine Priorität: Das Pfeifen steht nur als Begleitung, das Gehen bleibt das tragende Geschehen. Die Sprache tut das mühelos, fast beiläufig. Aber: „Spazierend pfiff ich ein Lied.“ Der gleiche Inhalt – und doch ein völlig anderer Augenblick. Nun steht das Pfeifen im Vordergrund, das Spazieren rückt zurück. Ein Tausch der Gewichte, der Prioritäten. Sprache kann das. Sie verschiebt Bedeutungen, ohne ein Wort zu verlieren. Das Partizip war einmal genau dafür geschaffen: für das feine Austarieren dessen, was gleichzeitig geschieht. Für die Kunst der Nebenläufigkeit. Für das Zeigen zweier nebeneinanderstehenden Linien der Wirklichkeit, ohne sie zu vermischen.

11.) Doch gerade hier beginnt der Verlust. Ausgerechnet diese feine Form des Nebenbei, des Mitlaufens, geriet in den vergangenen Jahren unter Druck. Das Partizip, einst Werkzeug für Präzision, wird heute zur Ersatzform für alles Mögliche umgebogen. Aus der Meisterin der Nebenläufigkeit wurde eine Lastenträgerin ideologischer Wünsche. Wo früher zwei Linien der Wirklichkeit sichtbar blieben, soll nun nur noch eine erscheinen. Und mit jeder solchen Vereinfachung verliert die Sprache ein Stück ihrer Tiefe, ihrer Präzision, ihrer Weite, ihrer Elastizität der Bedeutungsnuancen, ihrer Ausdruckskraft und vor allem ihres Differenzierungsvermögens.

12.) Was sich im Kleinen am Partizip zeigt – und im Ursprung schon im einfachen „Da“ des Zeigens angelegt ist –, begegnet uns im Großen in der ganzen Sprache: Sie wird enger. Wörter verlieren Tiefe. Vielleicht, weil unsere Zeit alles beschleunigt und deshalb auch die Sprache unter Druck setzt. Vielleicht, weil klare Unterscheidungen anstrengend geworden sind und einfache Formen bequemer erscheinen. Bedeutungen rutschen zusammen. Und wo früher feine Unterschiede lagen, bleiben heute Kategorien zurück, die nur noch grob funktionieren. Sprache schrumpft, oft nicht aus Not, sondern aus Willen – und mit ihr schrumpft die Welt, die wir mit ihr denken können.

13.) Schauen wir auf ein Beispiel: Ein Mensch, der studiert – also einer, der gerade studierend ist – ist in diesem Moment ein Studierender. Das Partizip markiert genau diesen Augenblick, nicht mehr und nicht weniger; und für diesen Moment darf es auch substantiviert werden. Und ein Mensch, der schläft, ist in diesem Moment, in dem er schlafend ist, ein Schlafender.

14.) Ein klarer Fall für einen sprachlichen Fehler zeigt sich an der Formulierung „schlafender Studierender“. Sie wirkt zunächst harmlos, beinahe selbstverständlich; erst im zweiten Blick zeigt sich der eigentliche Widerspruch. Denn „Studierender“ ist längst kein reines Partizip mehr, das einen momentanen Vorgang bezeichnet. Die Substantivierung hat daraus ein Rollenwort gemacht, ein administratives Etikett, das unabhängig vom tatsächlichen Tun gilt. Ein „Studierender“ ist also nicht einfach jemand, der im Augenblick studiert, sondern jemand, der der Kategorie der Studierenden zugerechnet wird, auch wenn er schläft.

15.) Genau deshalb bricht die Logik, sobald man dieses Etikett mit einer konkreten Tätigkeit kombiniert, die dem Studieren widerspricht. Ein Mensch, der schläft, studiert nicht. Und ein Etikett, das eine Identität behauptet, kann nicht gleichzeitig einen Vorgang beschreiben, der diese Identität unterbricht. „Ein Studierender, der schläft“ ist daher nur grammatisch möglich, aber sachlich bereits widersprüchlich: das Etikett behauptet Fortdauer, die Tätigkeit zeigt Unterbrechung. Die Substantivierung verwischt diese Spannung, indem sie ein Tun in eine Zugehörigkeit verwandelt. So entsteht der Eindruck sprachlicher Selbstverständlichkeit, wo in Wahrheit ein logischer Knoten liegt.

16.) „Schlafender Studierender“ ist kein harmloser Ausdruck, sondern ein semantischer Kurzschluss: Das Rollenetikett behauptet Fortdauer, die Tätigkeit zeigt Unterbrechung. Die Sprache, manchmal eine scharfe Waffe, wird hier nicht erweitert, sondern verbogen; und mit jeder solchen Biegung verliert sie etwas von ihrer Genauigkeit, ihrer Ehrlichkeit, ihrer Durchsichtigkeit – und am Ende wird sie stumpf.

17.) Wo die Sprache stumpf wird, wird auch das Denken stumpf. Vielleicht nicht nur aus Mangel, sondern weil Unschärfe manchmal nützlich erscheint. Denn eine Gesellschaft, die weniger genau unterscheidet, stellt auch weniger genaue Fragen. Ein Mensch kann nur das denken, wofür seine Sprache Formen hat. Und er kann nur unterscheiden, was seine Worte unterscheiden dürfen. Wenn Worte verflachen, verflacht die Urteilskraft. Wenn Begriffe verschwimmen, verschwimmt die Wirklichkeit. Und so wächst die Versuchung, Unterschiede nicht mehr zu sehen – oder nicht mehr sehen zu wollen.

18.) Manchmal zeigt die Geschichte deutlicher als jede Grammatik, wohin eine solche Verengung führen kann. Im Rumänien Ceaușescus etwa waren ingenieurwissenschaftliche Studiengänge stark ausgeweitet, während geisteswissenschaftliche Fächer streng begrenzt wurden. Technisches Wissen sollte funktionieren; kritisches Denken sollte sich besser gar nicht erst entwickeln. Eine Gesellschaft, die weniger fragt, lässt sich leichter verwalten. Auch das ist eine Form sprachlicher Verengung: nicht durch Verbote von Wörtern, sondern durch die schlichte Verringerung der Räume, in denen Begriffe geschärft und Gedanken geformt werden können.

19.) Ich habe das nicht aus Büchern gelernt. Meine Großtante Melanie, die damals in Rumänien lebte, erzählte mir einmal, wie streng dort die Wege in die Geisteswissenschaften bewacht wurden. Ingenieure wollte man, Fragende nicht. Mechaniker der Produktion wollte man, Suchende der Wahrheit nicht. Ihre Erzählungen hatten denselben Klang wie diese Beobachtung: Wenn man die Räume des Denkens verengt, verengt sich mit der Zeit auch die Sprache, die darin leben soll.

20.) Vielleicht wirkt nicht jede Verengung hart. Manche kommt leise, freundlich, beinahe sanft. Aldous Huxley hat das schon in seiner „Schönen neuen Welt“ erkannt: dass eine Gesellschaft nicht nur durch Zwang verflacht, sondern durch eine ständige, süße Verkindung. Wenn Erwachsene sprachlich behandelt werden wie Jugendliche, dann denken sie irgendwann auch wie Jugendliche. Wenn Kritik als Unbequemlichkeit gilt und Komplexität als Zumutung, wird Sprache weich, rund, harmlos. Worte verlieren Kanten. Sätze verlieren Gewicht und so wird aus Sprache ein Beruhigungsmittel. Verkindung ist keine Rückkehr zur Kindheit, sondern eine Reduktion der geistigen Höhe.

21.) Huxleys Welt ist eine, in der Sprache nicht mehr herausfordert, sondern beruhigt. Keine Wörter, die zu tief gehen. Keine Formulierungen, die etwas riskieren. Eine Sprache, die nicht mehr öffnet, sondern abdämpft. Je länger man sie hört, desto kleiner wird das innere Fragen. Hier genügt ein Blick: Sprache wird entschärft, geglättet, abgeflacht und gezähmt. Sie wird entlastet von Tiefe, befreit von Widerstand, geglättet von Konflikt, entkernt von Genauigkeit, neutralisiert von Bedeutung – und mit jeder solchen Zähmung wird auch der Mensch gezähmt. Ein Mensch, der sprachlich klein gehalten wird, bleibt es irgendwann auch im Denken.

22.) Doch es gibt auch die andere Verengung. Nicht die süße, die beruhigt, sondern die laute, die dröhnt. Sie zeigt sich in politischen Schaumsprache-Wörtern, die aussehen wie Sprache, aber nur noch Blasen werfen. Formeln, die Komplexität nicht erklären, sondern zuschäumen. Begriffe, die klingen wie Werkzeuge, aber arbeiten wie Nebel. Und genau an diesem Punkt bläht die politische Schaumsprache sich vollends auf: „Entlastungspaket“, „Wachstumschancengesetz“, „Fachkräfteoffensive“, Programme zur „Demokratieförderung“, „Modernisierungsschub“, „Strukturreform“, „Qualitätssicherung“, „sozial-ökologische Wende“, „klimaresiliente Systeme“, „Innovationsmotor“, „Transformationstreiber“ – Worte, die aussehen wie Handeln, aber nur noch Geräusch erzeugen. Vokabeln, die Bedeutung imitieren, indem sie Klang simulieren.

23.) Noch deutlicher wird dieser Verfall dort, wo politische Sprache nicht mehr Verantwortung trägt, sondern den eigenen Mangel kaschiert. Olaf Scholz – jahrelang als „Scholzomat“ belächelt – schleuderte plötzlich „Bazooka“, „Wumms“ und „Doppelwumms“ ins Land, als ließen sich Haushalts- und Energiekrisen mit Comic-Geräuschen erklären. Ursula von der Leyen verdichtete einen jahrzehntelangen Umbau Europas zum großen „Green-Deal-Moment“, als sei Politik ein Ereignis und kein mühsamer Prozess. Markus Söder rief im Wochentakt neue „Bayern-Turbos“ aus und ersetzte Richtung durch Drehzahl. Christian Lindner versprach der Wirtschaft „Booster“, als ließe sich Wachstum per Knopfdruck aktivieren. Und schließlich feierte Friedrich Merz den politischen Erfolg mit einem jovialen „Rambo Zambo“ – ein Laut aus der Sprechblase, der Stimmung erzeugt, wo eigentlich Sprache tragen müsste. Die einen versuchen Orientierung durch Klang herzustellen, die anderen reduzieren politische Wirklichkeit auf Schlagwörter mit Unterhaltungswert – gemeinsam entsteht eine Geräuschkulisse, die mehr über den Zustand politischer Sprache verrät als über die Lage des Landes. Doch bevor mich solche Wortfeuerwerke blenden, mache ich lieber eine 360-Grad-Wende und bleibe bei meiner Meinung.

24.) Diese Klangwörter schaffen keine Orientierung – sie ersetzen sie durch Stimmung. Manchmal bekommen sie sogar eine freundliche Maske: Gesetzestitel und Programmnamen, die klingen wie Werbeslogans. „Bürgergeld-Stärkungsgesetz“, „Chancen-Aufenthaltsgesetz“, Formeln von der „guten Arbeit“ bis zur „guten Zukunft“ – Bezeichnungen, die weniger benennen, was geregelt wird, als wie es klingen soll, also letztlich ein einziges „Gute-Laune-Gesetz“. Und es bleibt nicht bei Gesetzestiteln. Auch Orte und Maßnahmen werden sprachlich weichgezeichnet: aus Müllhalden werden mitunter „Entsorgungsparks“, aus Abtreibungen im Diskurs „reproduktive Gesundheit“. Und wo Überwachung im Spiel ist, wird aus einer Kamera ein „Sicherheitsmodul“ oder aus einer Steuererhöhung eine „Anpassung des Solidaritätsausgleichs“. Begriffe, die weniger beschreiben, als dass sie beruhigen. Sie wirken wie synthetische Begriffe, die Bedeutung simulieren. Und je öfter man sie hört, desto vertrauter klingen sie – und desto weniger fällt auf, dass sie Negatives verpositivieren.

25.) Doch die schärfste Form der Verengung findet sich nicht bei Huxley. Sie zeigt sich bei George Orwell. Nicht im Lärm der Schlagworte, sondern in der systematischen Verkleinerung der Bedeutungen. Huxley betäubt durch Süße. Orwell stutzt durch Reduktion. Dort die weiche Verkindung, hier die harte Sprachdiät.

26.) Orwell nannte sie „Neusprech“: eine Sprache, die weniger Wörter kennt, weniger Nuancen, weniger Welt. Eine Sprache, die nicht erweitert, sondern amputiert. In „1984“ verschwinden Begriffe nicht durch Verbote, sondern durch Verkleinerung. Was früher viele Worte hatte, bekommt nur noch eines. Was einst widersprüchlich war, wird flach. Was einst gefragt werden konnte, verschwindet.

27.) „Gut.“ „Ungut.“ „Doppeltungut.“ Wörter, die keinen Raum mehr lassen für das, was zwischen Schwarz und Weiß liegt. Für Grauschattierungen, für Zweifel, für das tastende Fragen. Neusprech lebt nicht davon, dass etwas falsch wäre, sondern davon, dass etwas fehlt.

28.) Vielleicht ist das Orwells entscheidendster Gedanke: Eine Sprache, die weniger sagen kann, erzeugt Menschen, die weniger denken können. Nicht weil sie dumm wären, sondern weil ihnen die Werkzeuge fehlen. Wer nur drei Farben hat, kann keinen Himmel malen. Wer nur drei Begriffe hat, kann keine Welt unterscheiden, geschweige denn sie erklären.

29.) Auch heute findet man nicht nur Spuren davon – wir sind längst auf Kurs. Nicht als diktatorisches Sprachregime, sondern als kulturelle Tendenz, die Bedeutungen glattstreicht und Komplexität abträgt. Wo alles nur noch „gut“ oder „problematisch“ ist, verschwindet das Denken dazwischen. Wer kein Wort mehr für einen Unterschied hat, verliert den Unterschied selbst.

30.) Hannah Arendt hat diesen Zusammenhang vielleicht am klarsten beschrieben: Urteilskraft entsteht nur dort, wo ein Mensch unterscheiden kann. Unterscheiden zwischen wichtig und unwichtig, zwischen Tatsachen und Meinungen, zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was gemeint ist. Für Arendt ist Denken nicht die Anhäufung von Wissen, sondern die Fähigkeit, innere Bewegungen voneinander abzugrenzen – ein stilles Gespräch des Menschen mit sich selbst. Und genau dieses Gespräch braucht präzise, klare, saubere Begriffe; Worte, die differenzieren können, die Stabilität haben und halten, was sie versprechen.

31.) Wenn Sprache verflacht, verliert das Denken sein Geländer. Wer keine Wörter mehr hat für Zwischentöne, verliert mit der Zeit auch die Fähigkeit, Zwischentöne wahrzunehmen. Arendt hat das „Verlust der Urteilskraft“ genannt: ein Zustand, in dem Menschen nicht mehr urteilen, sondern nur noch reagieren. Nicht weil sie es wollen, sondern weil ihnen die sprachlichen Formen fehlen, in denen sich Denken halten kann.

32.) Vielleicht ist das die eigentliche Gefahr sprachlicher Verengung: dass sie nicht zuerst politische Folgen hat, sondern menschliche. Sie trifft nicht Institutionen, sondern das Innere. Dort, wo Gedanken geformt werden, wo Gewissen spricht, wo ein Mensch zwischen richtig und falsch abzuwägen beginnt. Dort, wo Wahrheit überhaupt auftauchen kann. Wenn dieser Raum verloren geht, verliert der Mensch mehr als Worte – er verliert sich selbst.

33.) In der psychologischen Forschung gibt es eine Reihe von Experimenten, die mich nie losgelassen haben. Viele davon stammen aus der klassischen Wahrnehmungs- und Sensorikforschung – Versuche, wie sie seit den Arbeiten von Cain, Lawless und der frühen amerikanischen Sensorikschule immer wieder durchgeführt wurden. Mit Parfüm, mit Gewürzen und mit Wein. Und das mit Wein hat mich besonders fasziniert, weil ich gerne daran teilgenommen hätte: Man gab Versuchspersonen mehrere Weine zur Verkostung. Sie sollten unterscheiden, einordnen, wiedererkennen. Sie scheiterten kläglich. Die Weine blieben beliebig, jede Nuance verlief im Ungefähren. Dann geschah etwas Bemerkenswertes: Man gab den Probanden Worte. Ein kleines Vokabular, nicht mehr als eine Handvoll Begriffe – „blumig“, „herb“, „fruchtig“, „erdig“, „schokoladig“. Worte, die vorher niemand vermisst hatte, weil niemand wusste, dass sie fehlten. Und plötzlich konnten dieselben Menschen unterscheiden. Wiedererkennen. Zuordnen. Die Weine bekamen Konturen, Tiefe, Charakter. Was sich veränderte, war nicht der Geschmack, sondern das Raster, in dem er erschien.

34.) Nicht die Zunge hatte sich verändert. Die Sprache hatte sich erweitert; in der Sensorik ist dieser Effekt gut bekannt: Begriffe öffnen Kategorien. Und mit ihnen das Denken. Es war, als hätte man einen dunklen Raum erleuchtet. Als hätten dieselben Weine plötzlich einen Körper bekommen – nicht, weil der Wein anders war, sondern weil die Worte es erlaubten, ihn überhaupt erst einzuordnen und voneinander zu unterscheiden.

35.) Vielleicht zeigt kaum ein Experiment so klar, was geschieht, wenn Sprache fehlt – und was entsteht, wenn sie da ist. Wo keine Begriffe sind, bleibt alles flach. Wo Worte hinzukommen, öffnet sich eine Welt. Genau das ist der Punkt: Sprache schafft Unterscheidbarkeit. Und Unterscheidbarkeit schafft Erkenntnis.

36.) Ich habe mich diesen Fragen zu Sprache und Denken nicht erst genähert, als die politischen Schlagworte lauter wurden. Sie begleiten mich seit meinem Philosophiestudium Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre, als mich die Sprachphilosophie mehr fesselte als viele andere Fächer. Damals lernte ich, wie eng Denken und Sprechen miteinander verwoben sind – nicht als abstrakte Theorie, sondern als praktische Erfahrung: Wer klar spricht, denkt klarer. Wer präzise formuliert, sieht die Welt schärfer.

37.) Vielleicht kam diese Faszination auch aus einem anderen Bereich meines Lebens: der Musik. Musik ist, wie die Sprache, eine Form der Ordnung. Eine Grammatik aus Tönen, Pausen, Intervallen. Als ich Anfang der 1990er meinen Artikel über „formale und endliche Melodiesprachen über kontextfreien Grammatiken“ schrieb – erschienen in Musikometrica –, wurde mir bewusst, wie sehr auch musikalische Struktur eine Sprache ist: eine endliche, regelhafte Welt, die mit denselben formalen Werkzeugen analysiert werden kann, mit denen man Grammatiken formuliert und beschreibt. Diese formale Strenge zeigte mir, wie Bewegung und Gleichzeitigkeit in einer Melodie zusammenwirken – derselbe Mechanismus, der mich an der Sprache reizt und beunruhigt. Und wie streng diese Regeln sein können, wenn man verstehen will, welche innere Spannung eine Melodie hält und warum sie überhaupt bestehen kann.

38.) Es mag ungewöhnlich klingen, Sprache und Musik in einem Atemzug zu nennen. Aber beides folgt Ordnungen. Beides ist eine Weise, Welt zu fassen. Und beides verliert an Tiefe, wenn die Strukturen verflachen. Vielleicht reagiere ich deshalb so empfindlich auf die Verhöhung und Verbiegung des Partizips. Nicht weil mir Grammatik heilig wäre, sondern weil ich sehe, was verloren geht, wenn die feinen Werkzeuge stumpf werden.

39.) Vielleicht lohnt es sich jetzt, den Blick auf jene zu richten, die über Sprache nachgedacht haben, lange bevor unsere Gegenwart ihre Begriffe zu verengen begann. Vier Stimmen, vier Perspektiven, und doch ein gemeinsamer Kern: dass Sprache nicht einfach ein Werkzeug ist, sondern eine Weise, Welt zu formen.

40.) Ludwig Wittgenstein stellte die wahrscheinlich schärfste Diagnose: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt." Kein Satz wurde häufiger zitiert und seltener verstanden. Wittgenstein meinte keine äußerliche Begrenzung, sondern eine innere: Ein Mensch kann nur das denken, wofür seine Sprache Ausdruck und Formen besitzt. Wo Worte fehlen, fehlt auch der Gedanke. Nicht, weil der Mensch dumm wäre, sondern weil er blind bleibt für das, was er sprachlich nicht fassen kann.

41.) Wilhelm von Humboldt geht weiter. Für ihn ist Sprache nicht nur ein Mittel, Gedanken auszudrücken, sondern eine Kraft, die Gedanken überhaupt erst bildet. Jede Sprache erschafft ihre eigene Weltansicht – eine innere Architektur des Verstehens. Ein Mensch, der in einer Sprache denkt, denkt immer in einem bestimmten Raster der Möglichkeiten. Verengt man dieses Raster, verengt sich das Denken selbst.

42.) Johann Gottfried Herder schließlich sieht Sprache als etwas Gewachsenes. Nicht gemacht, nicht konstruiert, sondern hervorgebracht aus dem Leben eines Volkes und einer Kultur. Wörter, die Jahrhunderte getragen haben, sind für ihn keine politischen Spielbälle. Sie sind organische Formen der Wirklichkeit. Entfernt man sie leichtfertig, reißt man Wurzeln heraus, die man nicht wieder einsetzen kann.

43.) Und Nietzsche? Er sieht Sprache als etwas, das uns gleichzeitig hilft und täuscht. Für ihn sind Begriffe wie eingefrorene Bilder: Sie waren einmal lebendig, voller Farbe, voller Bewegung – und sind dann erstarrt. Und genau hier berührt Nietzsche das Schicksal des Partizips: Auch das Partizip ist ursprünglich Bewegung, ein Vorgang im Fluss, eine Linie, die noch nicht zu einem Zustand geronnen ist. Wird es jedoch substantiviert, erstarrt es – aus „studierend“ wird eine Kategorie, aus „flüchtend“ wird eine Identität, aus einem Vorgang wird ein Etikett. Die lebendige Metapher friert ein. Unterschiede, die im echten Leben deutlich spürbar sind, werden sprachlich geglättet. Aus etwas Einmaligem wird etwas Allgemeines. Und je weniger Wörter wir zur Verfügung haben, desto starrer wird unsere Sicht auf die Welt.

44.) All diese Stimmen zeigen denselben Punkt, wenn auch aus unterschiedlichen Richtungen: Sprache ist keine Oberfläche. Sie ist eine Tiefe. Und wer sie verengt, verengt nicht nur die Wörter – sondern den Menschen, der in ihnen denkt.

45.) Im Altgriechischen gab es neben dem Partizip auch seinen stillen Gefährten, den Aorist: Während das Partizip Bewegung und Nebenläufigkeit hält – das Gehen und das Pfeifen zugleich –, fasst der Aorist den Augenblick als abgeschlossenes Ereignis: Die Blume erblühte. Nicht „blühend“, nicht als Zustand, sondern einmalig und vollendet. Im Deutschen fehlt diese Form; mit ihr verschwindet eine Nuance der Welt aus dem Sprechen. Der Aorist ist dabei schlicht: oft nur ein kleiner Lautwechsel, und doch trägt er die ganze Spannung des Geschehenen. Daneben steht im Altgriechischen der Optativ als leiser Modus des Möglichseins: nicht was war oder ist, sondern was sein könnte. Beides fehlt uns – und mit ihnen eine Haltung, die Moment, Dauer und Möglichkeit sauber trennt.

46.) Wir merken oft gar nicht, dass uns etwas fehlt – so wie wir den Unterschied zwischen Oheim und Onkel kaum noch wahrnehmen. Weil die Sprache die Nuance nicht kennt, bleibt auch unser Denken blind dafür. Wir sehen die Welt nur noch in groben Linien, erkennen die feinen Übergänge nicht mehr, die einst sichtbar waren, solange Worte sie halten konnten. Sprache schafft den Rahmen, in dem wir unterscheiden, ordnen und verstehen. Wenn ein Wort fehlt, fehlt auch eine Möglichkeit, genau zu denken.

47.) Martin Heidegger, der die Sprache nicht von außen betrachtete, sondern in ihr den Wohnort des Menschen sah, würde es vielleicht so sagen: „Die Sprache ist das Haus des Seins.“ Kein Satz, der erklärt, sondern einer, der öffnet. Für Heidegger spricht nicht der Mensch die Sprache, sondern die Sprache berührt den Menschen, lässt ihn auftauchen, gibt ihm Raum, sich selbst und die Welt zu erfahren. Sie lässt etwas hervortreten, stellt es ins Offene, hebt es aus dem bloßen Vorhandensein heraus. Wo Sprache eng wird, wird auch dieses Offene eng. Das Haus des Seins bekommt schmale Türen, niedrige Decken, wenig Licht.

48.) Vielleicht ist das der tiefste Verlust sprachlicher Verengung: dass sie nicht zuerst unsere Wörter nimmt, sondern unseren Raum. Eine Welt, die sprachlich schrumpft, schrumpft auch im Sein. Und ein Mensch, dem die Sprache verengt wird, verliert nicht nur Ausdruck – er verliert Aufenthalt.

49.) Vielleicht wird der Verlust erst wirklich sichtbar, wenn ganze Wörter zu verschwinden beginnen. Nicht weil sie falsch wären, sondern weil sie unbequem geworden sind. Sprache trägt Erinnerung – und manche Erinnerungen werden heute lieber abgelegt als ausgesprochen. Ein Wort wie „Neger“ etwa, dessen lateinischer Ursprung schlicht „schwarz“ bedeutet, wurde in unserer Gegenwart nicht wegen seiner ursprünglichen Bedeutung aus dem Verkehr gezogen, sondern wegen der Geschichte und der späteren Aufladung, die sich daran heftete. Doch mit dem Wort verschwindet auch die Fähigkeit, Vergangenheit sprachlich zu unterscheiden: zwischen Herkunft und Missbrauch, zwischen neutraler Bezeichnung und späterer Aufladung.

50.) Ähnlich erging es anderen Wörtern. „Zigeuner“, ein altes Wort mit unklarer, aber langer Herkunft, verschwindet zugunsten von Konstruktionen wie „angehörige der Gruppe der Punkt Punkt Punkt“. „Eskimo“ wird ersetzt, obwohl der Begriff je nach Region und betroffenen Gruppen unterschiedlich bewertet wurde. „Heimat“ wurde eine Zeit lang verdächtig, „Vaterland“ wird gemieden, „Frau“ und „Mann“ verlieren Konturen zugunsten immer abstrakterer Kategorien. Das geschieht meist im Namen einer möglichen Diskriminierung – und doch entsteht gerade dadurch ein neuer Verlust: Je abstrakter die Ersatzbegriffe werden, desto weniger sagen sie aus. Mit jedem verlorenen Wort geht auch ein Stück Wirklichkeit verloren. Es geht dabei nicht darum, alte Begriffe zu rehabilitieren, sondern darum, überhaupt unterscheiden zu können: zwischen Herkunft und Missbrauch, zwischen ursprünglicher Bedeutung und späterer ideologischer Aufladung. Wo diese Unterscheidungsfähigkeit verloren geht, verliert auch die Sprache ihre geschichtliche Tiefe. Die Beispiele dienen übrigens der Sprachanalyse, nicht der Gebrauchsempfehlung.

51.) Zu den Verengungen unserer Sprache gehört auch der Streit um das sogenannte generische Maskulinum. Oft heißt es, es benachteilige Frauen. Doch in seiner ursprünglichen Gestalt benannte es einfach Menschen, ohne ihr Geschlecht hervorzuheben, und schloss damit alle ein. Seine heutige Verteufelung verdeckt, dass es gerade Männer waren, die darin nicht als Individuen sichtbar wurden, sondern als unmarkierte Kategorie, als eine Form also, die ohne Zusatz alles meint. Genau betrachtet diskriminiert das generische Maskulinum also eher den Mann, der im Unbestimmten verschwindet, während Frauen sprachlich hervorgehoben werden. Besonders deutlich zeigt sich das an einem scheinbar harmlosen Wortfeld: „die Mitarbeiter“. Früher bezeichnete es jene, die mitarbeiten; erst spätere Zusätze öffneten die Schieflage. „Die Mitarbeiterinnen“ werden markiert, „die männlichen Mitarbeiter“ klingen wie eine Randgruppe im eigenen Begriff, und „die Mitarbeitenden“ lösen schließlich die Personen ganz in einer Tätigkeit auf. Eine Sprache, die Männer nur noch als Sonderfall kennt, Frauen fortlaufend markiert und alle übrigen in Tätigkeitsformen verwandelt, verliert nicht nur Einfachheit, sondern den Blick für das Gemeinsame – jene sprachliche Weite, die ein unmarkiertes „Wir“ überhaupt erst möglich machte. Ich bleibe beim generischen Maskulinum: Wer anders sprechen will, darf es – mein Punkt ist Differenzierungsfähigkeit, nicht Sprachverbot. Gleichberechtigung ist nicht verhandelbar. Meine These: Sie gelingt besser mit präziser Sprache als mit vernebelnder. Wer gendern will, soll es tun; ich analysiere auch nur die Folgen.

52.) Wahrscheinlich ist das die gefährlichste Form der Verengung: Wenn Wörter aus moralischem Übereifer verstummen und damit die Welt, die sie einmal bezeichnet haben, sprachlich unzugänglich wird. Denn wo keine Worte mehr sind, kann auch nicht mehr unterschieden, erinnert oder gefragt werden. Der Gedanke stirbt nicht, weil jemand ihn verbietet, sondern weil er keinen Klang mehr hat. Und vielleicht sollten wir uns an dieser Stelle einmal fragen: Können wir die Wörter und Gedanken der Vergangenheit wirklich mit den Maßstäben von heute verstehen – oder nehmen wir ihnen damit nicht nur ihren Raum, sondern auch ihre Stimme, ihre Bewegung, ihre Möglichkeit, wie sie damals wirksam waren?

53.) Wahrheit beginnt nicht erst dort, wo Begriffe korrekt gesetzt sind. Sie beginnt viel früher – im Mut, die Welt so zu benennen, wie sie ist. Wahrheit braucht Sprache. Nicht als Dekoration, sondern als tragendes Gerüst. Bevor ein Mensch urteilen kann, muss er unterscheiden; bevor er unterscheiden kann, muss er benennen; bevor er benennen kann, braucht er Worte, die all das können - urteilen, unterscheiden und benennen. Eine verengte Sprache erzeugt verengte Wahrheit. Und wo die Wahrheit schmal wird, wird auch der Mensch schmal, der in ihr lebt.

54.) Und liegt nicht hier genau die stille Gefahr unserer Zeit? Dass Wahrheit nicht mehr aus dem Ringen um Wirklichkeit entsteht, sondern aus der Anpassung an Stimmungen. Was sich „wahr anfühlt“, ersetzt das, was gilt. Was gefällt, verdrängt das, was trägt. Und wo die Sprache nur noch Empfindungen ausdrückt, verliert sie die Kraft, Wirklichkeit abzubilden.

55.) Wahrheit ist kein Besitz, sondern eine Beziehung: zwischen mir und der Welt, zwischen Menschen, zwischen dem, was sich zeigt, und dem, was ich verstehe. Deshalb braucht Wahrheit Formen, in denen sie wohnen kann. Sprache ist eine dieser Formen – vielleicht ihre wichtigste. Wenn sie verarmt, verliert Wahrheit ihren Klang. Und mit ihr verliert auch der Mensch Orientierung. Genau davon handelt mein anderer Film über die Wahrheitsersatzstoffe: davon, wie leicht die Sprache ihre tragende Kraft verliert, wenn sie nicht mehr Wahrheit benennt, sondern nur noch etwas, das an Wahrheit erinnert.

56.) Wenn Sprache Wahrheit trägt, dann trägt sie auch Verantwortung. Nicht als moralischer Appell, sondern als innere Bewegung: Wahrheit will gefunden werden. Sie drängt ins Offene. Sie sucht das Licht. Das Christentum nennt das den Logos – das Wort, das nicht nur spricht, sondern schafft; das Wort, das nicht nur benennt, sondern offenbart. „Im Anfang war das Wort.“ Kein Zufall, keine fromme Metapher. Eine Grundbewegung: Wahrheit hat eine Sprache, und Sprache hat eine Quelle.

57.) Vielleicht spüre ich das besonders in der Luft. Wenn das Flugzeug ruhig liegt, die Turbulenzen nachlassen und der Blick weit wird, ordnet sich etwas. Die Welt unten wird kleiner, aber nicht ärmer. Im Gegenteil: Sie wird lesbarer. Linien treten hervor, Wege, Felder, Verläufe. Man erkennt, was zusammengehört und was auseinander liegt. Vielleicht ist das die stille Verwandtschaft zwischen Fliegen und Denken: Beide suchen Abstand, nicht um zu fliehen, sondern um klarer zu sehen.

58.) Wenn ich später wieder lande, liegt der Platz still da. Die gleiche Bahn, die gleichen Bäume, und manchmal auch ähnliche Böen. Und doch weiß ich: Die Sprache, mit der ich die Welt benenne, entscheidet darüber, wie ich sie verstehe. Ob ich sie leichter nehme, als sie ist. Ob ich mich blenden lasse oder fragen lerne. Ob ich die Wahrheit suche – oder ihre Ersatzstoffe.

59.) Vielleicht ist genau das die Frage unserer Zeit: Ob wir eine Sprache wollen, die weitet, oder eine, die verengt. Eine Sprache, die trägt, oder eine, die beruhigt. Eine Sprache, die Wahrheit sucht, oder eine, die sie ersetzt.

60.) Ob wir es wollen oder nicht: Sprache baut die Welt, in der wir leben.

61.) Und vielleicht braucht es manchmal nur einen einzigen Satz im Funk, einen klaren Ton, ein Wort, das nicht ausweicht, um uns daran zu erinnern.

62.) Schöne neue Welt? Vielleicht. Aber sicher nur mit einer Sprache, die wieder Luft hat.



Quellen und Belege

Der Film verbindet essayistische Beobachtung mit sprach-, erkenntnis- und kulturphilosophischen Positionen sowie mit Befunden aus der Kognitions- und Wahrnehmungsforschung. Die folgenden Werke bilden die inhaltlichen Bezugspunkte.

1. Sprache, Denken und Erkenntnis

  • Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus (1921); Philosophische Untersuchungen (1953)
  • Wilhelm von Humboldt: Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluss auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts (1836)
  • Johann Gottfried Herder: Abhandlung über den Ursprung der Sprache (1772)
  • Hannah Arendt: Vom Leben des Geistes, Bd. 1: Denken (1971)
  • Martin Heidegger: Sein und Zeit (1927) – Rede, Gerede, Verfallenheit, Sprache als Artikulation des Verstehens
  • Martin Heidegger: Unterwegs zur Sprache (1959)
  • Friedrich Nietzsche: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne (1873) Sprachkritik, Begriffe als erstarrte Metaphern, Grammatik als Denkform

2. Ursprung von Sprache und gemeinsamer Aufmerksamkeit

  • Michael Tomasello: The Cultural Origins of Human Cognition (1999)
  • Michael Tomasello: Why We Cooperate (2009)
  • Michael Tomasello: A Natural History of Human Thinking (2014)

Tomasellos Arbeiten zur gemeinsamen Aufmerksamkeit („joint attention“) und zur Zeigegeste bilden den Hintergrund für die im Film dargestellte Urszene des sprachlichen Zeigens.

3. Wahrnehmungsforschung und sprachliche Differenzierung

  • W. S. Cain & H. T. Lawless: klassische Studien zur sensorischen Differenzierung von Geruchs- und Geschmackswahrnehmungen (1970er/1980er Jahre)
  • H. T. Lawless & H. Heymann: Sensory Evaluation of Food: Principles and Practices
  • Rachel S. Herz: Arbeiten zur Rolle sprachlicher Kategorien in der Geruchs- und Geschmackswahrnehmung

Experimente der sensorischen Forschung zeigen, dass sprachliche Kategorien die Differenzierungs- und Wiedererkennungsfähigkeit von Wahrnehmungen signifikant erhöhen.

4. Sprache, Macht und kulturelle Verengung

  • Aldous Huxley: Brave New World (1932)
  • George Orwell: 1984 (1949)
  • Victor Klemperer: LTI – Lingua Tertii Imperii (1947)
  • Neil Postman: Wir amüsieren uns zu Tode (1985)

Diese Werke dienen der zeitdiagnostischen Einordnung sprachlicher Verflachung, Verkindung und Bedeutungsverengung.

5. Eigene Position

Die im Film verwendeten Beispiele und Zuspitzungen dienen der Sprachanalyse und der philosophischen Reflexion. Sie sind nicht als Gebrauchsempfehlung einzelner Begriffe zu verstehen, sondern als Untersuchung ihrer semantischen Struktur, ihrer historischen Verschiebungen und ihrer erkenntnistheoretischen Folgen.

6. Kontext

Der Film steht im Zusammenhang mit der Essay-Reihe „Schöne neue Welt?“ sowie mit dem Film „Wahrheitsersatzstoffe – schöne neue Welt?“, der sich mit dem Verhältnis von Sprache, Wahrheit und Wirklichkeitswahrnehmung befasst.

Ulrich Franzke, Dezember 2025

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